Im Norden Äthiopiens sehe ich sie zum ersten Mal, die geflügelten Engelsgesichter mit den weit geöffneten Augen. Von der Decke einer Klosterkirche in Gondar schauen sie dicht an dicht auf die Besucher herab, mehr als 100 an der Zahl. Bei der weiteren Reise begegne ich immer wieder in Klöstern und Kirchen ihren fragenden, wissenden Blicken.
In Lalibela steige ich hinunter zur einzigartigen, in das rote Tuffgestein gehauenen Felsenkirche.

Wieder zurück an der Oberfläche entdecke ich eine offene Hütte. Hier unterrichtet ein Lehrer ein paar Kinder im Lesen der Bibel. Zugleich malt er mit feinstem Pinsel Bilder auf getrocknete Tierhaut. Die Intensität, mit der die Figuren aus ihren übergroßen Augen blicken, gibt ihnen etwas Magisches, Bannendes. Unter den Motiven suche ich mir einen Engelskopf aus. Zuhause habe ich lange Zeit unter seiner Obhut an meinem Schreibtisch gearbeitet.

Inzwischen hat der Engel einen neuen Platz gefunden. Im Raum der Stille im DUCKDALBEN schaut er von der Seite her auf die lange Wand, an der ganz unterschiedliche Gegenstände das Christentum symbolisieren. Dort hängt in der Mitte ein dunkles Holzkreuz mit einer Christusfigur. Es stammt ebenfalls aus Äthiopien und wurde uns zur Einweihung des Raumes der Stille vom damaligen Seemannspastor Peter Ibrahim überreicht.

Das Christentum hat sich übrigens in Äthiopien ohne den Einfluss europäischer Missionare verbreitet und wurde bereits im 4. Jahrhundert Staatsreligion. Im Zeitalter des Kolonialismus bewahrte Äthiopien als einziger Staat Afrikas seine Unabhängigkeit.

Text und
Bericht von Olaf - 10.11.18