Eine spannende Lektüre

BildIm Schaukasten linkerhand von Büro A ist das Dienstzeugnis des Heizers Amandus Schulz ausgehängt. Es wurde von seiner Tochter im Nachlass ihres Vaters gefunden. Erst so erfuhr sie überhaupt, dass er einmal zur See gefahren war. Sie kannte den DUCKDALBEN von einem Besuch her, und kam dann erneut zu uns, um uns dieses Andenken an ihren Vater zu schenken.

Beim weiteren Stöbern im Schaukasten entdeckte ich sie: Unscheinbar, dunkelbraun, abgewetzt und mit einer Staubschicht überzogen lagen sie ganz zuunterst, bildeten sozusagen den festen Grund, auf dem sich dicht an dicht eine Vielzahl kleiner und kleinster Schiffsmodelle tummelte. Nur durch Zufall wurde ich auf sie aufmerksam und fühlte mich ein bisschen wie ein Angler, der nicht weiß, ob er einen alten Stiefel oder einen Klumpen Gold am Haken hat.

Vom Staub befreit sahen sie immer noch unscheinbar aus, die vier alten Seefahrtbücher, die ich sozusagen an Land gezogen hatte. Aber sie entpuppten sich als wahrer Schatz, denn alle vier tragen den Namen des Schiffszimmermanns Theodor Hermann Thode, geboren am 7. April 1876 in Kiel. Sie ergeben eine spannende Lektüre über seine lückenlos aufgeführten Fahrten vom 25. Mai 1894 bis 10. Juni 1911.

Da die Seefahrtbücher normalerweise nicht eingesehen werden können, habe ich hier ein paar Fakten aus dem Inhalt zusammengestellt:

25 Reisen auf 13 verschiedenen Schiffen in 17 Jahren
Die erste Reise auf dem Segelschiff „Artemis“: von Hamburg nach Mazatlan, San Blas, Guaymas, Vancouver, Valparaiso, Iquique, Hamburg, Dauer 19 Monate und 19 Tage, Heuer 60 Mark monatlich.
Nach 5 Fahrten auf Segelschiffen im Jahr 1900 erste Fahrt mit dem Dampfschiff „Hochheimer“ von Hamburg via Barry, dann La Plata und zurück, 80 Mark monatlich.
Längste Schiffszugehörigkeit: 9 Fahrten mit der „Ockenfels“ von 1904 bis 1907
Längste Fahrt: 20 Monate, 24 Tage mit der „Rheinfels“: Hamburg, England, Indien, Amerika, Indien und zurück, 21. September 1907 bis 14. Juni 1909, 105 Mark monatlich
Längste Pause zwischen 2 Reisen: 2 Monate und 11 Tage, kürzeste Pause 3 Tage, im Schnitt 18 Tage Pause zwischen den Fahrten
Die letzte Reise auf der „Stolzenfels“: Hamburg, Indien, New York, Indien, Hamburg,
25. August 1910 bis 10. Juni 1911, 9 Monate, 16 Tage, Heuer 105 Mark
Beigelegte Dienst-Zeugnisse bescheinigen dem Seemann sehr gute Diensttüchtigkeit, nennen das Betragen sehr gut / zu loben oder lobenswert, und beurteilen die Nüchternheit mit stets / sehr gut/ vollkommen / stets bewiesen / zu loben oder lobenswert.

Im letzten Seefahrtsbuch von Theodor Hermann Thode finden sich zwei weitere Dokumente beigefügt. Aus dem Einen geht hervor, dass er vom 19. Juni 1911 bis zum 23. Januar 1915 als Schiffszimmermann in Hamburg bei der „Hansa“ beschäftigt war. Die Entlassung erfolgt „wegen Arbeitsmangel“. Nach einer zeitlich großen Lücke erfahren wir durch den Mitgliedsausweis, dass Theodor Thode am 1. September 1945 (im Alter von 69 Jahren) wieder der SPD beitritt, deren Mitglied er bereits von 1910 bis 1933 war. Damit endet unser Wissen von ihm.

Geschrieben von Bärbel unter Mithilfe von Lars und Diego

Übrigens: Mit dem neuen Seearbeitsgesetz, das zum 1. August 2013 in Kraft getreten ist, wurden Seefahrtbuch und Musterung abgeschafft.

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